KIRCHE

Während viele Menschen unserer Zeit fast nur mehr die menschliche Seite der Kirche sehen - eine weltumspannende und wohlgegliederte Gemeinschaft von Mensehen, die durch denselben Glauben und durch denselben Kult geeint sind - , bezeichnet die Heilige Schrift sie mit Berufung auf unseren Glauben als ein Geheimnis das einst in Gott verborgen gewesen, jetzt aber enthüllt und zum Teil schon Wirklichkeit geworden ist (Eph 1, 9f; Röm 16, 25f). Sie ist das Geheimnis eines noch sündigen Volkes, das aber bereits das Angeld des Heiles besitzt, weil es die Entfaltung des Leibes Christi ist, der Feuerherd der Liebe. Das Geheisnms einer menschlich-göttlichen Einrichtung, in der der Mensch das Licht, die Vergebung und die Gnade ,,zum Lobpreis der Herrlichkeit Gottes" (Eph 1, 14) zu finden vermag. Dieser Neugründung haben die ersten Christen griechischer Zunge den biblischen Namen ekklesía gegeben, der einerseits die Kontinuität zwischen Israel und dem christlichen Volke zum Ausdruck bringt, andererseits aber wohl geeignet war, sich mit einem neuen Inhalt zu füllen.

I. Wortbedeutungen

In der griechischen Welt bezeichnet das Wort ekklesía, das in die lateinische Sprache als ecclesia (Kirche) übernommen wurde, die Versammlung des démos, des Volkes, als des politischen Willensträgers. Dieser profane Sinn (vgl. Apg 19, 32. 39f) färbt auf den religiösen ab, wenn Paulus von der Abhaltung einer ,,als Kirche" sich vereinigenden christlichen Versammlung spricht (vgl. 1 Kor 11, 18).

In der LXX dagegen bezeichnet das Wort eine Versammlung. die zu einem religiösen, meist kultischen Zweck einberufen wird (vgl. Dt 23; 1 Kg 8; Ps 22, 26); es entspricht dem hebräischen qähäl, das vor allem von der deuteronomischen Schule verwendet wird, um die Versammlung am Horeb (z. B. Dt 4, 10), in den Steppen Moabs (Dt 31, 30) oder im Lande der Verheißung zu bezeichnen (z. B. Jos 8, 35; Ri 20, 2), vom Chronisten aber (z. B. 1 Chr 28, 8; Neh 8, 2) zur Bezeichnung der liturgischen Versammlung Israels zur Zeit der Könige oder nach dem Exil. Während aber ekklesía stets qähäl wiedergibt, wird dieses letztere Wort gelegentlich auch durch andere Wörter wiedergegeben, vor allem durch synagogé (z. B. Nm 16, 3; 20, 4; Dt 5, 22), das meistens das priesterliche Wort ´edä wiedergibt. Kirche und Synagoge sind zwei fast gleichbedeutende Ausdrücke (vgl. Jak 2, 2); sie werden erst in dem Augenblick zu Gegensätzen, da sich die Christen den ersten zu eigen machten und den zweiten den widerspenstigen Juden vorbehielten. Die Wahl des Wortes ekklesía ist vielleicht von der Assonanz qahäl - ekklesía mitbestimmt worden, aber auch von etymologischen Gründen: dieser Begriff, der von ekkaléo kommt (anrufen, einberufen), wies von sich aus darauf hin, daß Israel, das Volk Gottes, eine Ansammlung von Menschen war, die durch die göttliche Initiative zusammengerufen wurde; er traf sich mit einer priesterlichen Bezeichnung, in der die Idee der Einberufung zum Ausdruck kam: kleté hagía, die wörtliche UEbersetzung des hebräischen miqra' qodesch, ,,heilige Einberufung (Versammlung)" (Ex 12, 16; Lv 23, 3; Nm 29, 1). Es ist nur natürlich, daß Jesus bei der Gründung eines neuen Gottesvolkes, das eine Fortsetzung des alten sein sollte, dieses mit einem biblischen Namen bezeichnet hat, der die religiöse Gemeinde (Versammlung) ausdrückte (er mag sie aramäisch entweder ´edtä oder k.nischtä, das meist mit synagägé wiedergegeben wird, oder noch wahrscheinlicher q.halä genannt haben) und der in Mt 16, 18 mit ekklesía wiedergegeben wird. Ebenso hat sich die erste christliche Generation, die sich als das durch die ,,Kirche der Wüste" (Apg 7, 38) im voraus dargestellte neue Volk Gottes wußte (1 Petr 2, 10), ein Wort zu eigen gemacht, das von der Heiligen Schrift her kam und sehr wohl geeignet war, sie selbst als ,, Israel Gottes" zu bezeichnen (Gal 6, 16; vgl. Apk 7, 4; Jak 1, 1; Phil 3, 3). Dieser Begriff bot darüber hinaus noch den Vorteil, das Thema von der Berufung mit einzuschließen, die Gott in Jesus Christus zuerst den Juden, dann auch den Heiden ohne deren Verdienst zuteil werden ließ, die ,,heilige Gemeinde" der Endzeit zu bilden (vgl. 1 Kor 1, 2; Röm 1, 7: ,,berufene Heilige").

II. Vorbereitung und Vollendung der Kirche

Gott hat die Wiedervereinigung seiner zerstreuten Kinder von langer Hand vorbereitet (Jo 11, 52). Die Kirche ist die Gemeinschaft jener Menschen, die des Heiles in Jesus Christus teilhaftig werden (Apg 2, 47): ,,Wir, die wir gerettet werden", schreibt der hl. Paulus (1 Kor 18). Sosehr aber der göttliche Heils- Ratschluß in dieser Gemeinde gipfelt, war er doch schon ,,vor der Erschaffung der Welt" gefaßt (Eph 1, 4) und seit den Zeiten Abrahams, ja schon seit dem Auftreten Adams unter den Menschen in die Wege geleitet worden.

1. Urschöpfung und Neuschöpfung. Der Mensch ist von Anfang an dazu berufen, Gemeinschaft zu bilden (Gn 1, 27; 2, 18), sich zu vermehren (1, 28) und in inniger Verbundenheit mit Gott zu leben (3, 8). Da aber stellte sich die Sünde dem Plane Gottes entgegen. Statt das Oberhaupt eines geeinten, mit Gott verbundenen Volkes zu bleiben, wurde Adam zum Vater einer durch den Haß zerrissenen (4, 8; 6, 11) und auf Grund ihres Hochmuts zerstreuten Menschheit (11, 8f), die vor ihrem Schöpfer die Flucht ergriff (3, 8; 4, 14). Es bedurfte daher eines neuen Adam (1Kor 15, 45; Kol 3, 10f), der eine neue Schöpfung inaugurierte (2 Kor 5, 17f; Gal 6, 15), in der das Leben der Freundschaft mit Gott wiederhergestellt (Röm 5, 12 ...), die Menschheit zur Einheit zurückgeführt (Jo 11, 52) und ihren Gliedern die Versöhnung geschenkt wurde (Eph 2, 15-18). Solcher Art sollte die von Israel vorbereitete Kirche sein. Indem die Bibel die Geschichte Abrahams und seiner Nachkommenschaft in die allgemeine Geschichte einer Welt hineingestellt hat, in der die Folgen der Sünde sichtbar sind, zeigt sie zugleich auch, daß die Kirche als das wahre Volk Abrahams (Röm 4, 11f) in die Welt einzugreifen und darin die Antwort auf die Sünde und die sich daraus ergebende Zerrissenheit und den Tod zu erteilen hat. Schon die UEberlieferungen über die Sintflut lieferten Israel das Beispiel eines Gerechten, den Gott nach einem UEberhandnehmen der Sünde zum Ausgangspunkt einer neuen Schöpfung gemacht hatte. Diese allgemeine Errettung, die der Nachkommenschaft Noes mittels des Wassers zuteil geworden war, war eine Vorausdarstellung ( Typos jenes anderen unendlich reicheren Heiles, das Christus durch die Taufe bringen sollte (1 Petr 3, 20f).

Doch wird die Kirche der von den Propheten beschriebenen neuen Schöpfung hienieden niemals vollkommen gleichen. Erst im Himmel nach der Endzeit, wird die Sünde vollständig beseitigt sein (Is 35, 8; Apk 21, 27), wie auch der Schmerz und der Tod (Apk 21, 4; vgl. Is 25,8; 65, 19). Dann wird die Zerstreuung von Babel deren Antithese schon das Pfingstfest gewesen war, ihre endgültige Erwiderung erfahren (Is 66, 18; Apk 7, 9f). Dann werden auch die Scheinmächte verschwinden: die stolzen Weltreiche, die ,,Synagogen des Satans" (Apk 2, 9; 3, 9); dann wird es nur mehr die Gemeinde der Auserwählten geben, in der Gott alles in allem sein wird (1 Kor 15, 28).

2. Das alte und neue Israel. Mit der Auserwählung Abrahams, die schon durch einen Bund besiegelt wurde (Gn 15, 18), begann der entscheidende Prozeß der Bildung eines Gottes- Volkes Aus diesem gesegneten Geschlecht, dessen Sramnlvater er war, wird Christus hervorgehen, in dem die >> Verheißungen ihre volle Erfüllung finden sollten (Gal 3, 16) und der seinerseits jenes endgültige Gottesvolk gründen wird, das die geistige Nachkommenschaft Abrahams des Vorbilds aller Glaubenden, bilden wird (Mt 3, 9 par.; Jo 8, 40; Gal 4, 21-31; Röm 2, 28f; 4, 16; 9, 6ff). Alle Völker ( Heiden werden in Abraham gesegnet werden, wenn sie durch den Glauben in die Kirche Jesu Christi eintreten (Gal 3, 8f = Gn 12, 3, LXX; vgl. Ps 47, 10).

Zwischen dem Israel, der Nachkommenschaft der Patriarchen dem Fleische nach, und der Kirche besteht Bruch und Kontinuität zugleich. Deshalb wendet das Neue Testament auf das neue Gottesvolk die Namen des alten an, diese aber mit neuem und zuweilen gegensätzlichem Sinnanspruch. Beide sind die ekklesía, doch bezeichnet dieses Wort fortan das dem Alten Testament unbekannte Geheimnis des Leibes Christi (Eph 1, 22 f); und der Kult der Gott darin dargebracht wird, ist rein geistiger Natur (Röm 12, 1). Die Kirche ist Israel aber das Israel Gottes (Gal 6, 16), geistiger und nicht mehr fleischlicher Art (1 Kor 10, 18); sie ist ein Volk, das Gott sich erworben hat, und zwar durch das Blut Christi (Apg 20, 28; 1 Petr 2, 9f; Eph 1, 14), ein Volk, das aus den Heiden ausgesondert worden ist (Apg 15, 14). Sie ist eine Braut aber keine treulose (Os; Jr 2-3; Ez 16), sondern eine makellose Braut (Eph 5, 27). Sie ist ein Weinstock aber kein wildes Reis mehr (Jr 2, 21), sondern ein solches, das Frucht bringt (Jo 15, 1-8); der heilige Rest (Is 4, 2f). Sie ist eine Herde, aber nicht die einst geeinte (Jr 23, 3) und dann wieder zerstreute Herde (Zach 13, 7ff), sondern die endgültige Herde des für sie hingeopferten und wieder erstandenen Hirten (Jo 10). Sie ist das Jerusalem von oben, keiner Sklaverei mehr unterworfen, sondern frei (Gal 4, 24f). Sie ist das Volk des Neuen Bundes der von den Propheten vorhergesagt (Jr 31, 31ff; Ez 37, 26ff) und durch das Blut Christi besiegelt wurde (Mt 26, 28 par.; Hebr 9, 12ff; 10, 16), der dessen Mittler für alle Völker ist (Is 42, 6). Ihre Bundes-Charta ist nicht mehr das Gesetz des Moses, das außerstande war, Leben zu vermitteln (Gal 3, 21), sondern das Gesetz des Geistes (Röm 8, 2), das in die Herzen eingeschrieben ist (Jr 31, 33 f; Ez 36, 27; vgl. 1 Jo 2, 27). Sie ist das Reich der Heiligen, das von Daniel vorausverkündet und durch die davidische Gemeinde des Chronisten im voraus dargestellt worden ist; keine Organisation mehr, die nur das zeitliche Leben einer Nation zu regeln hat (Jo 18, 36), sondern weithin sichtbarer Keim und geistiger Ausgangspunkt eines unsichtbaren und zeitlosen Reiches, in dem der Tod vernichtet sein wird (1 Kor 15, 25f; Apk 20, 14). Endlich ist die Kirche, da der nicht von Menschenhänden gemachte (Mk 14, 58) und unzerstörbare (Mt 16, 18) Tempel der neuen Heilsveranstaltung der auferweckte Leib Christi ist (Jo 2, 21f), als Leib Christi auch der neue Tempel (2 Kor 6, 16; Eph 2, 21; 1 Petr 2, 5) als Stätte einer Gegenwart und eines Kultes die jene von einst überragt und allen zugänglich ist (Mk 11, 17).

III. Gründung der Kirche durch Jesus

Das Alte Testament ist also eine Vorbereitung und eine Vorausdarstellung der Kirche. Jesus aber hat sie geoffenbart und gegründet.

1. Die Entwicklungsstufen der Kirche

Wo Jesus von der Kirche spricht, geschieht es im Rahmen seiner Verkündigung des Himmel- Reiches Damit offenbarte er in einer prophetischen Sprechweise, in der sich die verschiedenen Ebenen nicht immer genau unterscheiden lassen, daß der himmlischen Phase des Reiches Gottes (Mt 13, 43; 25, 31-46) eine irdische Phase vorausgehen wird. Diese wird ihrerseits wieder zwei Etappen umfassen. Die erste ist das srerbliche Leben Jesu, der durch seine Verkündigung, sein Vorgehen gegen den Satan und die Bildung der messianischen Gemeinde das Reich Gottes bereits gegenwärtigsetzt (Mt 12, 28; Lk 17, 21). Die zweite wird die Zeit der Kirche im eigentlichen Sinne sein (Mt 16, 18), deren Beginn durch drei bedeutende Ereignisse gekennzeichnet ist: das Opfer Jesu, das diese ,,Gemeinde des Neuen Bundes" begründet (Mt 26, 28), die auf einen reinen Kult bedacht ist (vgl. Mal 3, 1-5), einen Kult, den Jeremias schon zur Zeit des Josias erhofft (2 Kg 23), später aber in die eschatologische Zukunft verlegt hat (Jr 31, 31) und den die Gemeinde von Qumran und Damaskus verwirklichen wollten; - das Kommen Jesu als Herr und Menschensohn am Tage seiner Auferstehung (Mt 26, 64); - und endlich der Untergang Jerusalems (Mt 16, 28; vgl. Lk 21, 24), der ein Zeichen für die Ablösung des jüdischen Volkes durch die Kirche, zugleich aber auch ein Vorspiel zum Jüngsten Gericht gewesen ist.

2. Berufung und Schulung der Jünger

Jesus berief und schulte während seines sterblichen Lebens Jünger denen er die Geheimnisse des Gottesreiches offenbarte (Mt 13, 10-17 par.); sie bilden bereits jene ,,kleine Herde" (Lk 12, 32) des Guten Hirten (Jo 10), die von den Propheten angekündigt worden war, das Reich der Heiligen (Dn 7, 18-22). Jesus hat dafür gesorgt, daß diese Gruppe seinen Tod überlebte und weiterwuchs und hat ihr künftiges Statut in seinen großen Zügen bereits festgelegt. Drei Arten von Aussagen beweisen dies: seine Vorhersagen über die Verfolgungen die die Seinigen erleiden werden (Mt 10, 17-25 par.; Jo 15, 18 bis 16, 4); seine Gleichnisse über das Nebeneinander von Gerechten und Sündern im Reiche Gottes (Mt 22, 11ff; 13, 24-43. 47-50); seine für die Zwölfe bestimmten Unterweisungen.

a) Die Zwölfe. Denn Jesus hat aus seinen Jüngern zwölf Vertraute ausgewählt, die die Keimzellen und die Führer des neuen Israel sein sollten (Mk 3, 13-19 par.; Mt 19, 28 par.). Er lehrt sieden Taufritus (Jo 4, 2), die Predigt, den Kampf gegen die Dämonen und gegen die Krankheiten (Mk 6, 7-13 par.). Er lehrt sie, das Dienen den ersten Plätzen vorzuziehen (Mk 9, 35), in erster Linie für die ,,verlorenen Schäflein" Sorge zu tragen (Mt 10, 6), die unvermeidlichen Verfolgungen nicht zu fürchten (10, 17), sich in seinem Namen zu versammeln, um gemeinsam zu beten (18, 19f), sich gegenseitig zu verzeihen (18, 21-35) und die öffentlichen Sünder nicht auszuschließen, ohne zuerst den Versuch zu unternehmen, sie eines Besseren zu belehren (18, 15-18). Die Kirche muß sich bis zum Ende der Zeiten diese Erfahrung der Zwölfe vor Augen halten, um darin die Norm ihres Lebens zu finden.

b) Allumfassende Sendung der Zwölfe. Die misssonarische Lehrzeit der Apostel greift nicht über den Rahmen Israels hinaus (Mt 10, 5f). Erst nach der Auferstehung Jesu erhielten sie denBefehl, alle Völker ( Heidenvölker zu lehren und zu taufen (Mt 28, 19). Doch kündete Jesus schon vor seinem Tode an, daß die Heiden zum Reiche Gottes Zutritt erhalten würden. Die ,,Kinder des Reiches" (Mt 8, 12), d. h. die Juden die als erste Zutritt gehabt hatten, werden seiner verlustig gehen (Mt 21, 43), weil sie sich geweigert haben, sich von Christus ,,sammeln" zu lassen (Mt 23, 37). An Stelle der Masse der Juden, die vorderhand ausgeschlossen bleiben (vgl. Mt 23, 39; Röm 11, 11-32), werden die Heiden Zutritt erhalten (Mt 8, 11f; Lk 14, 21-24; Jo 10, 16), und zwar gleichberechtigt (Mt 20, 1-16) mit jenem Kern von Juden, die ihre Sünde bereut und an Jesus geglaubt haben (Mt 21, 31ff).

Auf diese Weise wird die Kirche als erste Verwirklichung eines Reiches, das nicht von dieser Welt ist (Jo 18, 36), die kühnsten und umfassendsten Weissagungen des Alten Testaments überbieten (z. B. Jon; Is 19, 16-25; 49, 1-6). Jesus hat sie in keiner Weise mit dem zeitlichenTriumph Israels verknüpft, der ihm keinerlei Anliegen bedeutet hat. Eine Lehre, die die Menge nicht begreifen wollte (Jo 6, 15-66), ja selbst die Zwölfe sollten sie erst nach Pfingsten ganz verstehen (Apg 1, 6). Nach diesem Tage aber sollten sie keinen Versuch mehr unternehmen, ihre allumfassende Sendung an einen Wiederaufstieg ihres Volkes zu knüpfen, und mahnen, gegen die kaiserlichen Behörden ( Autorität ein loyales Verhalten an den Tag zu legen (Röm 13, 1... 1 Petr2, 13f). Die Norm für die Beziehungen zwischen Kirche und Staat aber werden ihnen die Worte Jesu Christi liefern: ,,Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" (Mt 22, 21par.). Dem Kaiser die Steuer und alles, wessen er bedarf, um den gerechten Forderungen des Staates zum zeitlichen Wohl der Völker nachkommen zu können (Röm 13, 6f); Gott, dessen von der Kirche verkündetes souveränes Recht das des Kaisers schafft, überragt und richtet (Röm 13, 1) alles übrige, das aber heißt unser Sein schlechthin.

c) Die Autorität der Zwölfe. Wer zur Führung berufen ist, bedarf einer Vollmacht. Jesus hat sie den Zwölfen verheißen: dem Petrus als dem Felsen und Garanten des Bestandes der Kirche, die Verantwortung des Sachwalters, der die Tore der himmlischen Stadt zu öffnen und zu schließen hat, und die Fülle der Disziplinar- und Lehrgewalt (Mt 16, 18f; vgl. Lk 22, 32; Jo 21). Den Aposteln aber außer dem Auftrag des Nachvollzuges der Abendmahlsfeier (Lk 22, 19) dieselbe Vollmacht, ,,zu binden und zu lösen", die sich vor allem auf die Beurteilung der Gewissen bezog (Mt 18, 18; Jo 20, 22f). Diese Texte offenbaren bereits die Natur der Kirche, deren Schöpfer und Herr Jesus ist; sie sollte eine wohlgegliederte und sichtbare Gemeinschaft sein, die das Reich Gottes hienieden inauguriert. Auf Felsen gebaut und durch die Ausübung der apostolischen Vollmachten sowie durch die Eucharistie die Gegenwart Christi verewigend, wird sie die Hölle besiegen und ihr die Beute entreißen. Auf diese Weise erscheint sie als Quelle des Lebens und der Vergebung.

Nach dem Willen Jesu sollte eine derartige Sendung ebenso lange weiterbestehen wie dieWelt. Dasselbe gilt daher auch für die sichtbaren Strukturen und die für diese Sendung erforderlichen Vollmachten. Gewiß ist ein Teil der Funktionen der Apostel unübertragbar; die Situation der Apostel als Zeugen Jesu während seines Lebens und nach seiner Auferstehung steht in der Geschichte einzig da. Als aber Jesus die Elfe nach seiner Auferstehung beauftragte, zu lehren, zu taufen und zu leiten, und ihnen verhieß, immer, bis zum Ende der Welt bei ihnen zu verbleiben (Mt 28, 20), gab er damit auch zu verstehen, daß die so übertragenen Vollmachten durch alle künftigen Jahrhunderte, selbst über den Tod der Apostel hinaus, weiterbestehen sollten. So hat es auch die Urkirche verstanden, in der die apostolischen Vollmachten von jenen Amtsträgern weiter ausgeübt wurden, die die Apostel auserwählt und denen sie durch Handauflegung jene Weihe erteilt hatten, die sie für ihre Aufgabe befähigte (2 Tim 1, 6). Auch heute haben die Vollmachten der Bischöfe noch keine andere Quelle als diese Worte Jesu.

IV. Werden und Leben der Kirche

1. Ostern und Pfingsten. Die Kirche hat mit dem Pascha Christi das Licht der Welt erblickt, als er aus dieser Welt zu seinem Vater zurückgekehrt, ,,hinübergegangen" ist (Jo 13, 1). Mit dem aus dem Grabe erstandenen und ,,lebenspendender Geist" gewordenen Christus (1 Kor 15, 45) ist eine neue Menschheit (Eph 2, 15; Gal 6, 15), eine neue Schöpfung entstanden. Die Väter haben gerne gesagt, die Kirche sei als neue Eva während des Todesschlafes Christi aus seiner Seite geboren worden, gleichwie die Eva von einst aus der Seite des schlafenden Adam genommen worden war. Johannes legt diese Auffassung durch sein Zeugnis für die Wirkungen des Lanzenstiches nahe (Jo 19, 34f), wenn es richtig ist, daß nach ihm das Blut und das Wasser in erster Linie das Opfer Christi und den Geist versinnbilden, der die Seele der Kirche ist, sodann die Sakramente der Taufe und der Eucharistie, die ihr das Leben vermitteln.

Doch ist der Leib der Kirche erst als der Leib des auferstandenen (,,auferweckten", vgl. Eph 5, 14) Christus lebendig, der den Geist ausgießt (Apg 2, 33). Diese Geistausgießung hat schon am Ostertag ihren Anfang genommen (Jo 20, 22), als Jesus seinen wieder um ihn gescharten Aposteln (vgl. Mk 14, 27) als den Führern des neuen Gottesvolkes (vgl. Ez 37, 9) durch Anhauchen den schöpferischen Geist verlieh (Jo 20, 22; vgl. Gn 1, 2). Am Pfingsttage aber fand jene große charismatische Ausgießung statt (Apg 2, 4), die die Zwölfe zum Zeugnis befähigte (Apg 1, 8) und die Existenz der Kirche öffentlich kundtat. Deshalb bildet dieser Tag für sie gleichsam das offizielle Geburtsdatum. Das Pfingstfest ist für die Kirche etwa das, was für den aus dem Heiligen Geiste empfangenen Jesus (Lk 1, 35) die Salbung gewesen ist, die ihm derselbe Geist am Beginn seiner messianischen Sendung verliehen hat (Apg 10, 38; Mt 3, 16par.) und was für jeden Christen die Mitteilung des Heiligen Geistes durch die Handauflegung ist, die dem in der Taufe vollzogenen Werke das Siegel aufdrückt (Apg 8, 17; vgl. 2, 38).

2. Die Ausbreitung der Kirche. Nach dem Pfingstfest wuchs die Kirche rasch heran. Der Eintritt in sie vollzieht sich durch die Annahme des Wortes der Apostel (Apg 2, 41), das zum Glauben an den auferstandenen Jesus, den Herrn und Christus (2, 36), unser Haupt und unseren Erlöser (5, 31) führt (2, 44; 4, 32); sodann durch den Empfang der Wasser- Taufe (2, 41), der eine Handauflegung folgt, die den Geist und seine Charismen überträgt (8, 16f; 19, 6). Man bleibt deren lebendiges Glied nach den Worten des hl. Lukas (Apg 2, 42) durch eine vierfache Treue: die Treue zur Unterweisung der Apostel, die den ersten durch die Verkündigung der Heilsbotschaft begründeten Glauben vertieft, die Treue zur brüderlichen Gemeinschaft (koinönía), zum Brotbrechen und zum gemeinsamen Gebet. Vor allem ist es das Brotbrechen, d. h. die Feier des eucharistischen Mahles (vgl. 1 Kor 11, 20. 24), das die Eintracht festigt (Apg 2, 46), die Gegenwart des auferstandenen Christus, mit dem die Zwölfe noch kurz zuvor gegessen und getrunken hatten (Apg 10, 41), erfahren läßt, sein Opfer ,,verkündet" und die Erwartung seiner Wiederkunft wach erhält (1 Kor 11, 26).

In Jerusalem ging die Gemeinschaft der Herzen so weit, daß sie die materiellen Güter freiwillig zusammenlegten (Apg 4, 32-35; Hebr 13, 16), wie dies beispielsweise auch in Qumran der Fall gewesen ist; doch läßt selbst Lukas einige Schatten an diesem Bilde erkennen (Apg 5, 2; 6, 1). Die Gläubigen unterstehen der Autorität der Apostel An ihrer Spitze steht Petrus (Apg 1, 13f), der im Einklang mit ihnen den Primat ausübt, den ihm Christus übertragen hat. Ein Kollegium von AEltesten nimmt in Unterordnung an der Autorität der Apostel teil (Apg 15, 2), später, nach deren Weggang, an der des Jakobus (21, 18), der zum Oberhirten der Kirche von Jerusalem bestellt worden war. Sieben geisterfüllte Männer, zu denen Stephanus und Philippus gehörten, wurden mit dem Dienst an den hellenistischen Christen betraut (6, 1-6).

Die Kühnheit dieser letzteren, vor allem des Stephanus, führte zu ihrer Zerstreuung (Apg 8, 1. 4). Diese aber hatte die Ausbreitung der Kirche zur Folge, angefangen von Judäa (8, 1; 9, 31-43) bis Antiochien (11, 19-25), ja ,,bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1, 8; vgl. Röm 10, 18; Kol 1, 23), mindestens bis Rom (Apg 28, 16-31). Die Ablehnung, die der hl. Paulus von seiten der Juden erfuhr, erleichterte die Aufpfropfung des heidnischen Wildreises auf den beschnittenen Stamm des auserwählten Volkes (Röm 11, 11-18). Aber weder Paulus noch Petrus, der durch die Taufe des Cornelius einen entscheidenden Schritt getan hatte, dem einzelne zu weitgehende Zugeständnisse an die Judaisten kein Dementi entgegenzusetzen vermochten (Gal 2, 11-14), ließ sieh auf die Forderung ein, die in die Kirche eintretenden Heiden den jüdischen Gebräuchen zu unterwerfen, an die sich die ,,hebräischen" Christen noch hielten (Apg 10, 14; 15, 29).

3. Auf diese Weise setzte sich die Originalität der Kirche gegenüber dem Judentum durch, wurde ihre Katholizität zur Tatsache und fand der Missionsbefehl, den sie von Christus erhalten hatte, seine Verwirklichung. Ihre Einheit beherrschte, allen sichtbar, die Orte und Völker, sowie alle Gemeinden, die sich als Zellen einer einzigen Kirche fühlten: die UEbertragung des biblischen Ausdrucks ,,Kirche", der zunächst auf die Christen Jerusalems angewendet wurde, auf die heidenchristlichen Gemeinden, die Sammlung, die der hl. Paulus unter seinen Bekehrten für die Gemeinde von Jerusalem veranstaltete (2 Kor 8, 7-24), die Berufung auf die Gepflogenheiten der Kirchen zur Regelung eines Disziplinarfalles (1 Kor 11, 16; 14, 33), das Interesse, das sie füreinander bekundeten (Apg 15, 12; 21, 20; 1 Thess 1, 7ff; 2, 14; 2 Thess 1, 4), die Grüße, die sie sich schickten (1 Kor 16, 19f; Röm 16, 16; Phil 3, 21f), sind ebenso viele charakteristische Zeichen für ein echtes Kirchenbewußtsein.

V. Die christliche Reflexion über die Kirche

1. Alle kollektiven Gesichtspunkte des Heiles in Jesus Christus gehören in die Interessensphäre der Kirche. Indes ist der hl. Paulus der einzige inspirierte Verfasser, der deren Geheimnis von sieh aus und im eigenen Namen durchdacht hat. Schon in seiner Vision vor Damaskus hatte er eine erste Offenbarung einer geheimnisvollen Identität Christi mit der Kirche erhalten (Apg 9, 4f). Zu dieser ersten Erfahrung kam eine durch sie angeregte Reflexion. Und in der Tat entdeckte der hl. Paulus in eben dem Maße, als er die Kirche auf- erbaute deren Dimensionen. Zunächst dachte er über die Lebenseinheit nach, die seine Bekehrten durch den Taufritus mit Christus und untereinander eingehen und die der Heilige Geist durch seine Charismen fast greifbar werden läßt. Deshalb bringt er den Korinthern, die diese Gaben ihrer ,,erbauenden" und einigenden Aufgabe entfremden, folgenden grundlegenden Punkt in Erinnerung: ,,Wir sind in dem einen Geist alle in einen Leib hineingetauft worden" (1 Kor 12, 13). Die Getauften, die die Kirche ausmachen, sind also Glieder dieses einzigen Leibes Christi, dessen lebendigen Zusammenhalt das eucharistische Brot gewährleistet (1 Kor 10, 17). Diese Einheit, die eine solche des Glaubens und der Taufe ist, verbietet es, daß man sich auf Kephas, Apollo oder Paulus berufe, so als ob Christus geteilt werden könnte (1 Kor 1, 12f; 3, 4). Um diese Einheit sichtbar zu machen und zu festigen, organisiert der hl. Paulus eine Sammlung zugunsten der ,,Heiligen" von Jerusalem (1 Kor 16, 1-4; 2 Kor 8-9; Röm 15, 26f).

In der Folgezeit trugen die Gefangenschaft, die ihn von den allzu unmittelbaren Problemen fernhielt, und die kosmischen Spekulationen, denen er in Kolossä entgegentreten mußte, zu einer Erweiterung seines Gesichtsfeldes bei. Der ganze göttliche Ratschluß, den er mit den Augen des Heiden- Apostels betrachtet (Gal 2, 8 f; Röm 15, 20), kommt ihm in seiner ganzen Schönheit zum Bewußtsein (Eph 1). Von da an ist ihm die ekklesía in der Regel nicht mehr diese oder jene lokale Gemeinde (wie bisher, von einigen möglichen Ausnahmen abgesehen, wie in 1 Kor 12, 28; 15, 9; Gal 1, 13); sie ist ihm zum Leib Christi geworden, und dies in seiner ganzen Größe und Universalität als Ort der Versöhnung fur Juden und Heiden, die einen einzigen vollkommenen Menschen bilden (Kol 1, 18-24; Eph 1, 23; 5, 23ff; vgl. 4, 13). In dieses wesentliche Thema fügt er das Bild von Christus als dem Haupte der Kirche ein. Christus ist von seiner Kirche verschieden, doch ist sie mit ihm als ihrem Haupte verbunden (Eph 1, 22f; Kol 1, 18) - was sie den Engelmächten an die Seite stellt (Kol 2, 10) -, vor allem aber als dem Prinzip ihres Lebens, ihres Zusammenhalts und ihres Wachstums (Kol 2, 19; Eph 4, 15f). Mehrere Male vermengt sich das Bild vom Tempel der sich auf Christus als dem Eckstein und auf den Aposteln und den Propheten als Fundament erhebt (Eph 2, 20f), mit dem Thema vom Leibe, so sehr, daß die Zeitwörter wechselweise vertauscht werden: das Gebäude wächst (Eph 2, 21) und der Leib wird aufgebaut (4, 12. 16). In Eph 5, 22-32 verbinden sich die Vorstellungen vom Leibe und vom Haupte mit dem biblischen Bild von der Braut Jesus das Oberhaupt (= Haupt) der Kirche, ist auch der Erlöser, der die Kirche wie eine Braut geliebt (vgl. 2 Kor 11, 2) und sich für sie hingeopfert hat, um ihr durch die Taufe Heiligung und Läuterung zu vermitteln, sie mit Schönheit auszustatten und sie sich als Braut zuzueignen. Endlich muß noch ein weiterer Begriff zu den eben genannten hinzugenommen werden, um die Kirche nach Paulus zu definieren: Die Kirche ist der auserlesene Teil jener Fülle (pléróma), die in Christus wohnt, soferne er Gott (Kol 2, 9), Erlöser der seinem Leibe eingegliederten Menschen (Eph) und das Haupt des gesamten, von den kosmischen Mächten beherrschten Alls ist (Kol 1, 19f). Deshalb kann sie auch selbst als Pleroma bezeichnet werden (Eph 1, 23). Und sie ist es auch in der Tat, weil Christus sie ,,erfüllt", sie aber auch umgekehrt ihn ,,erfüllt", indem sie seinen Leib durch ihr fortschreitendes Wachstum ergänzt (Eph 4, 13), wobei die Fülle Gottes selbst den Anfang und das Ende von alldem bildet (3, 19).

2. Ohne das Wort zu gebrauchen, weist Johannes den Weg zu einer vertieften Theologie der Kirche. Seine Anspielungen auf einen neuen Auszug (Jo 3. 14; 6, 32f; 7, 37ff; 8, 12) lassen an ein neues Gottesvolk denken, das die biblischen Bilder von der Braut (3, 29), von der Herde (10, 1-16) und vom Weinstock (15, 1-17) unmittelbar bezeichnen und dessen ersten Ansatz die kleine Gruppe der aus der Welt herausgenommenen Jünger darstellt (15, 19; vgl. 1, 39. 42f). Der UEbergang von dieser Gruppe zur Kirche vollzieht sich durch den Tod und die Auferstehung Jesu; dieser stirbt, ,,um die Zerstreuten zu einer einzigen Herde zu vereinen" (11, 52), in der es keinen Unterschied gibt zwischen Juden, Samaritern und Griechen (10, 16; 12, 20. 32; 4, 21ff. 30-42), und er kehrt zu seinem Vater zurück, um den Seinen den Heiligen Geist zu verleihen (16, 7; 7, 39), vor allem seinen Abgesandten, die die Aufgabe haben, Sünden nachzulassen (20, 21f). Die Kirche wird die Ernte die Christus vorbereitet hat (4, 38), in die Scheunen sammeln und dadurch die Sendung Christi fortsetzen (20, 21). Johannes kann dafür Zeugnis ablegen, der das fleischgewordene Wort betastet (1 Jo 1, 1) und den Bekehrten von Philippi den Heiligen Geist gespendet hat (Apg 8, 14-17 im Gegensatz zu Lk 9, 54). Trotzdem hat sich der hl. Johannes, seinem Genius folgend, vor allem mit dem inneren Leben der Kirche beschäftigt. Ihre Mitglieder, die unter dem Hirtenstabe Petri geeint sind (21), leben zutiefst aus ihrer Verbundenheit mit Christus, dem Weinstock (15), die die Taufe (3, 5) und die Eucharistie ermöglichen. Sie betrachten gemeinsam unter der Leitung des Heiligen Geistes die Worte Christi (14, 26) und bringen in gegenseitiger Liebe (13, 33-35) jene Frucht die Gott von ihnen erwartet (15, 12. 16f). Durch all das tut die Kirche ihre Einheit kund, deren Quelle und Vorbild die Einheit der in allen und in jedem einzelnen gegenwärtigen göttlichen Personen selbst ist (17). Mit der Verfolgung wohl vertraut (15, 18-16, 4) tritt sie der Welt mit sieghaftem Vertrauen entgegen, ist doch der Sieg über sie und deren Fürsten bereits errungen (16, 33).

Dieser letzte Gedanke bilder den zentralen Gedanken der Apokalypse. Darin wird die Kirche das eine Mal dargestellt durch die heilige Stadt oder vielmehr durch den Tempel und dessen Vorhöfe, wo eine Schar wahrer Gläubiger verschont wird, während das Tier auf dem Platz zwei Zeugen-Propheten tötet (11, 1-13); das andere Mal durch die Frau die im Kampf mit dem Drachen ( Satan steht (Apk 12), der sich des Tieres (des heidnischen Weltreiches) bedient, um die Heiligen zu verfolgen, dessen Tage aber gezählt sind. Was aber bedeutet das tausendjährige Reich des 20. Kapitels, das keine Zeit des irdischen Triumphes der Kirche darstellt: eine geistige Erneuerung innerhalb der Kirche selbst (vgl. 20, 6 u. 5, 10; vgl. auch Ez 37, 10 = Apk 11, 11) oder die Seligkeit der Martyrer vor dem allgemeinen Gerichte Jedenfalls richtet sich die Sehnsucht der Kirche vor allem auf das neue Jerusalem auf den Himmel (3, 12; 21, 1-8; 21, 9 -22, 5). ,,Der Geist und die Braut sprechen: Komm!" (22, 17.)

VI. Skizze einer theologischen Synthese

Von Gott geschaffen, von Christus aufgebaut, vom Geiste Gottes beseelt und dessen Wohnstätte (1 Kor 3, 16; Eph 2, 22), ist die Kirche Menschen anvertraut, zuerst den Aposteln, ,,die von Jesus unter der Einwirkung des Heiligen Geistes auserwählt wurden" (Apg 1, 2), sodann jenen Männern, die durch die Handauflegung das Charisma der Leitung empfangen (1 Tim 4, 14; 2 Tim 1, 6).

Vom Heiligen Geiste geleitet (Jo 16, 13), ist die Kirche die ,,Säule und Grundfeste der Wahrheit" (1 Tim 3, 15), imstande, ,,den Schatz der (von den Aposteln) überkommenen heiligen Worte unverfälseht zu bewahren" (2 Till, 5, 13 f), d. h. ohne Irrtum zu verkünden und darzulegen. Durch das Evangelium (Eph 3, 6) zum Leibe Christi auferbaut, aus einer einzigen Taufe geboren (Eph 4, 5), von einen, einzigen Brote ernährt (1 Kor 10, 17), vereinigt sie die Kinder desselben Gottes und Vaters (Eph 4, 6) zu einem einzigen Volke (Gal 3, 28). Sie beseitigt die Spaltungen unter den Menschen, indem sie Juden und Heiden (Eph 2, 14ff), Kulturvölker und Barbaren, Herren und Sklaven, Männer und Frauen zu einem einzigen Volke zusammenschließt (1 Kor 12, 13; Kol 3, 11; Gal 3, 28). Diese Einheit ist katholisch, wie man seit dem 2. Jahrhundert sagt; sie ist imstande, alle Gegensätze zwischen den Menschen auszugleichen (vgl. Apg 10, 13: ,,Schlachte und iß!"), sich allen Kulturen anzupassen (1 Kor 9, 20ff) und das gesamte All zu umschließen (Mt 28, 19).

Die Kirche ist heilig (Eph 5, 26f), und dies nicht nur in ihrem Haupte, in ihren Gelenken und Sehnen, sondern auch in ihren Gliedern, die die Taufe geheiligt hat. Gewiß gibt es in der Kirche auch Sünder (1 Kor 5, 12); doch leiden diese unter der Qual der Unvereinbarkeit ihrer Sünde mit den Forderungen jener Berufung, die sie in die Gemeinde der ,,Heiligen" Aufnahme finden ließ (Apg 9, 13). Dem Beispiel ihres Meisters folgend, stößt die Kirche sie nicht zurück und bietet ihnen Vergebung und Läuterung an (Jo 20, 23; Jak 5, 15f; 1 Jo 1, 9), da sie weiß, daß aus dem Unkraut jederzeit wieder Weizen werden kann, solange der Tod für den einzelnen die Ernte noch nicht vorweggenommen hat (Mt 13, 30). Die Kirche hat ihr Ziel nicht in sich selbst; sie führt zu jenem endgültigen Reich das die Wiederkunft Christi an ihre Stelle setzen wird und in das nichts Unreines eintreten kann (Apk 21, 27; 22, 15). Die Verfolgungen erwecken ihre Sehnsucht, sich in das himmlische Jerusalem zu verwandeln, zu stets neuem Leben.

Das vollkommene Vorbild des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe der Kirche ist Maria die sie auf Kalvaria (Jo 19, 25) und im Abendmahlssaal (Apg 1, 14) ins Leben treten sah. Auch der hl. Paulus ist von einer glühenden und konkreten Liebe zu ihr erfüllt (1 Kor 4, 15; Gal 4, 19): ,,die Sorge um alle Kirchen" verzehrt ihn (2 Kor 11, 28); um den Preis großer Leiden (1 Kor 4, 9-13; 2 Kor 1, 5-9) für die Menschen die unendlichen Früchte des Kreuzes erkaufend, ,,ergänzt er an seinem Fleische, was an den Drangsalen ( Prüfung Christi noch aussteht, zugunsten seines Leibes, das ist der Kirche" (Kol 1, 24). Sein Leben als ,,Diener der Kirche" (1, 25) ist ein Beispiel vor allem für jene, die das Werk der Apostel weiterführen.

Alle Glieder des christlichen Volkes (laós) - nicht nur ihre Führer - sind dazu berufen, der Kirche durch die Ausübung ihrer Charismen zu dienen als Reben am Weinstock lebend, Früchte der Liebe zu bringen, ihrem Priestertum (1 Petr 2, 5) durch das Opfer des Glaubens (Phil2, 17) und durch ein reines Leben nach dem Geiste Ehre zu machen (Röm 12, 1; 1 Kor 6, 19; Phil 3, 3), am Kulte der Gemeinde aktiven Anteil zu nehmen und, wenn sie das Charisma der Jungfräulichkeit erhalten haben, dem Herrn in ungeteilter Hingabe anzuhangen oder aber, wenn sie eine Ehe eingegangen sind, ihr Eheleben jener bräutlichen Verbindung nachzugestalten, die zwischen Christus und der Kirche besteht (Eph 5, 21-33). Die heilige Stadt, die Jesus wie eine Braut geliebt hat (5, 25), die Frucht bringt und die jeder als seine ,, Mutter bezeichnet (Ps 87, 5 ;Gal 4, 26), verdient unsere kindliche Liebe; unsere Liebe zu ihr aber muß sich dadurch erweisen, daß wir sie unserseits ,,auf erbauen . Berufung